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Forschungsinteresse

In den textbasierten Digital Humanities treffen, vereinfacht gesagt, die Forschungslogiken der „erklärenden“ (quantitativen) Naturwissenschaften und „verstehenden“ (qualitativen) Geisteswissenschaften (Dilthey 1883) aufeinander (siehe auch (Snow 2012), zuerst 1959). Unter Forschungslogik verstehen wir dabei handlungsleitende Schemata im Vorgehen der wissenschaftlichen Akteure, die ein reziprokes Verhältnis zu Axiomen über Realität und Humanität haben, d.h. durch diese bestimmt sind, diese aber auch beeinflussen. Sie zeigen sich in der Forschungspraxis in der Art der Forschungsfragen, Argumentation, Interpretation, sowie Methodologie, also in «Denkstilen» (Fleck 2012) (zuerst 1935) und «Wissenskulturen» (Knorr-Cetina 2002). Den quantitativen Ansätzen, etwa der Computerlinguistik, wird dabei oft ein «materialistisch-deterministisches», den qualitativen aus den Geisteswissenschaften ein «humanistisches» Weltbild zugeschrieben (Schumann 2017), z.B. S. 148). Die idealtypische Logik des quantitativen Paradigmas beinhaltet Reduktion von Komplexität durch die Abstraktion von Variablen, die klare Abgrenzung von materiellen Einheiten, und die Überprüfung von Hypothesen über möglichst große Datenmengen zur Formulierung allgemeiner Aussagen mit einem hohen Grad von Beobachterunabhängigkeit. Im qualitativen Paradigma werden multifaktorielle Bezüge von Einzelfällen in ihrer Komplexität hergestellt, explorative und situierte Fallstudien unter Berücksichtigung von Historizität und expliziter Subjektivität in Be- obachtung und Interpretation (s. (Herrmann 2017). Seit ihrer Auslobung sind die Digital Humanities von Debatten begleitet worden (Hammond 2017), die in ihren polemischen Wortmeldungen oft unvereinbare Forschungslogiken abbilden. Trotz erster Ansätze, die Forschungspraxis zugrundeliegende Axiome der emergenten textbasierten Di- gital Humanities zu beschreiben, etwa in Bezug auf „Mixed Methods“ (Herrmann 2017), „Literary Modeling» (Piper 2017), “Algorithmic Criticsm” (Ramsay 2011), “Distant Reading” (Underwood 2017), “Screwmeneutics and Hermenumericals” (van Zundert 2015), und “Scalable Reading” (Weitin 2017), steht eine systematische und vor allem unabhängige Bestandsaufnahme jedoch noch aus.

Literatur

Dilthey, Wilhelm (1883): Einleitung in die Geisteswissenschaften. (Dilthey Gesammelte Schriften). Leipzig: Duncker.

Fleck, Ludwik (2012 [1959]): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache : Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. 9. Aufl. (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft). Frankfurt, Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag.

Herrmann, J. Berenike (2017): In a test bed with Kafka. Introducing a mixed-method approach to digital stylistics. In: Joris J. van Zundert, Sally Chambers, Marijn Koolen, Mike Kestemont & Catherine Jones (Eds.): DHQ: Digital Humanities Quarterly 11(4).

Knorr-Cetina, Karin (2002): Wissenskulturen : ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schumann, Siegfried (2017): Quantitative und Qualitative Empirische Forschung : Ein Diskussionsbeitrag. Secaucus, Secaucus: Springer Vieweg. in Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Springer [Distributor].

Snow, Charles P. (2012 [1959]): The Two Cultures. Cambridge University Press.

Underwood, Ted (2017): A Genealogy of Distant Reading. 11(2).

van Zundert, Joris J (2015): Screwmeneutics and Hermenumericals. In: Susan Schreibman, Ray Siemens & John Unsworth (eds.): A New Companion to Digital Humanities, 331–347. John Wiley & Sons, Ltd.

Weitin, Thomas (2017): Scalable Reading. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 47(1). 1–6.