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Case Studies zu sprachlichen Bewertungspraktiken

Bewerten steht im Interesse vieler Disziplinen, wie etwa der Betriebswirtschaftslehre, Politologie, Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Philosophie, Linguistik, Kommunikationswissenschaft, der Kultur- und auch der Literaturwissenschaft (Benamara, Taboada & Mathieu 2017; Habscheid 2015a). Bewertendes Handeln, die emotional-affektive wie rational-kritische Beurteilung von Objekten, Entitäten und Prozessen bezüglich ihrer Bedeutung und ihres Wahrheitsstatus, gehört zu den Grundkonstanten menschlicher Interaktion mit der Umwelt (Keller 2008). Die bewertenden Handlungen können vornehmlich emotional-affektiven Gehalt haben, wozu in der Tradition Kants auch ästhetische Werturteile gehören, oder aber rational und argumentativ begründet werden; zugrundeliegende Wertmassstäbe können implizit sein oder in unterschiedlichem Grad expliziert werden (Stenzel 2007). Psychische Universalien, geteilte Werte, und eben auch soziale und kulturelle Praktiken des Bewertens bilden sich in besonderem Maße in der menschlichen Sprache ab, bzw. werden durch sie geschaffen und perpetuiert (Habscheid 2015b). Besonders eine kulturwissenschaftlich fundierte Textforschung ist daher in der Lage, die unterschiedlichen Dimensionen von Bewerten, gerade auch unter den Bedingungen des mithin sprachlich konstituierten Web 2.0 wissenschaftlich zu beschreiben. In kommerziellen und anwendungsorientierten Texttechnologien ist das Phänomen des Bewertens seit Jahren ein zentraler Forschungsgegenstand, und so hat die Entwicklung von automatischen Verfahren der Sentiment Analyse und des Opinion Minings für grosse Datenmengen hier Erfolge erzielt. Politik- und Sozialwissenschaft, aber auch die Korpuslinguistik, und neuerdings auch die digitale Literaturwissenschaft machen sich die entwickelten Algorithmen und Diktionäre in einem wachsenden Masse zunutze, was nicht zuletzt im rasanten Anstieg von Publikationen und Fachtagungsbeiträgen zum Thema «Sentiment Analysis», oder auch allgemeiner «Machine Learning», reflektiert wird.

Eng verzahnt werden im Projekt mittels zweier Case Studies sprachliche Bewertungspraktiken im Social Web untersucht: (1) In Basel werden Laienrezensionen auf lovelybooks.de untersucht und (2) in Winterthur werden Online-Kommentare auf chefkoch.de analysiert.

Architektur SNF-Projekt Forschungslogiken

Die beiden Teilprojekte arbeiten eng zusammen, so dass Synergien bei der Datenaufbereitung, der Operationalisierung der Forschungsmethoden und der anschliessenden Reflexion der Forschungslogiken genutzt werden können.

Literatur

Benamara, Farah, Maite Taboada & Yannick Mathieu (2017): Evaluative Language beyond Bags of Words: Linguistic Insights and Computational Applications. In: Computational Linguistics 43(1). 201-264.

Habscheid, Stephan (ed.)(2015a): Bewerten im Wandel. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 177(1).

Habscheid, Stephan (2015b): Einleitung: Bewerten im Wandel. In:  Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 177(1). 5–11.

Keller, Rudi (2008): Bewerten. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 102. 2–15.

Stenzel, Jürgen (2007): Wertung. Reallexikon Deutsche Literaturwissenschaft, 837–840. 3rd edn. Berlin: De Gruyter.